Im Stammesgebiete der Pistazie

Wir zucken, krampfen und sind den Tränen sehr nahe. Die Frage: „Was machen wir hier eigentlich zur Hölle?“ brennt uns auf der Zunge, aber wir halten eine komplette Stunde tapfer durch. Erst am nächsten Tag setzt die von der Massage hervorgerufene Entspannung ein, wieder ging der Masseure nicht zimperlich mit unserer verklebten Muskulatur um. Tiefenentspannt und professionell gelockert verlassen wir also Isfahan und sehen uns gleich mit ganz anderen Qualen konfrontiert, die da heißen: Gegenwind, Hitze, Steigungen, Geröllwüste und zäher, hupender Verkehr.

Unter der Straße finden wir Schatten und sind vom Wind geschützt.

Gedankenverloren strampeln wir durch ein öde und karge Gegend, wir trinken mehr Wasser wie jedes Kamel, trotzdem sind wir im Nu wieder ausgetrocknet und die Kehle schreit nach Flüssigkeit. Die Temperaturen steigen auf 49 Grad, doch unser größtes Problem ist der Wind. Egal in welche Richtung wir die Räder manövrieren, der Wind dreht sich mit uns und bläst uns die Heißluft samt Staub und Sand mitten ins Gesicht. Es ist wirklich wie verhext und macht mürbe. So schleichen wir durch den Iran und geben die Hoffnung nicht auf, dass der Wind demnächst eine 180 Grad Kehrtwende einlegt. Schattige Plätze für die Pausen sind Mangelware, Lösungen müssen her und wir werden fündig. Wir verkriechen uns wie die Ratten unter der Straße, die Kanalisation bietet uns den perfekten Schutz. Über uns brettert der Verkehr hinweg und einen guten Meter tiefer schlummern wir – Not und eine Reise machen erfinderisch.

6000 Kilometer. An Ort und Stelle machen wir Halt. Julian serviert dazu noch einen frischen Schafskäse.

Unsere 6000 Kilometer machen wir am Tag 97 der Reise kurz vor der Frühstückspause, voll – es gibt kalte Pasta vom Vorabend und ein Stück frischen Schafskäse. Was für ein Gaumenschmaus, manchmal ist das Glück ein Stück Käse in der Wüste.

Die Straßen sind stark befahren. Jedes zweite Auto grüßt uns per Hupsignal.

Die ersten 400 Kilometer nach Isfahan radeln wir auf einer Höhe von knapp 2000 Metern, bei gut 2300m finden wir daher den bislang höchsten Zeltplatz der Reise. Mit exakt 6.35 Stunden im Sattel gibt es auch gleich die längste Tagesetappe unserer bisherigen Expedition mit dem Ziel Japan. Oft fragen wir uns, wo die ganzen Autos und LKW’s herkommen und was wohl das Ziel ihrer Reise ist?  Und warum hupt uns hier jeder zweite an? Ein eher zweifelhafter Brauch der Gastfreundschaft, wie wir finden. Wäre der Verkehr nicht, könnte man meinen, wir seien irgendwo im Wilden Westen in der freien Prärie unterwegs, Winnetou lässt grüßen. 

Nach den kräftezehrenden Tagesetappen freuen wir uns jedesmal aus Neue auf Pasta.

Erstmals müssen wir unsere Wasser- und Lebensmittelvorräte genauestens kalkulieren, die Möglichkeiten zum Auffüllen sind jetzt rar gesät. Der Gegenwind und die zähen, langgezogenen Anstiege erschweren die Kalkulation zusätzlich. Du weißt einfach nie, wie weit du kommst. An manchen Tagen müssen wir aber noch weit über unsere Schmerzgrenze im Sattel bleiben, ohne Wasser sind wir aufgeschmissen. In diesen Momenten rufen wir uns unser Reisemotto „Without a Plan to Japan“ ins Gedächtnis. „Da wo die Planung aufhört, beginnt das Abenteuer.“ Darum sind wir unterwegs: Grenzen erfahren und verschieben, improvisieren und schauen, was passiert. Irgendwie geht es immer weiter. Kopf, Bauch und Instinkt geben den Steuermann. Und Pasta die nötige Energie.

Kein Licht, kein Mensch, keine Siedlung. In der Nacht fasziniert uns der Sternenhimmel.

Trotzdem finden wir in diesem riesigen Sand- und Steinhaufen auch viele kleine, wundervolle Dinge. Am Tag 100. zelten wir mitten in der Wüste und ein umwerfender Sternenhimmel lässt alle Strapazen vergessen. Kein Licht stört den Glanz der Sterne, kein Planetarium der Welt kann so eine Magie entfachen, wir sitzen einfach nur da und genießen den Moment. Genau aus solchen Gründen darf eine Reise auch mal zäh sein. Nicht nur die Natur bringt uns zum staunen, sondern wieder einmal unsere Mitmenschen. Feigen, Trauben, Benzin für unseren Kocher, Wassermelonen, Trinkwasser kurz vor dem Kollaps, die Liste der kleinen Geschenke entlang der Route ist riesig. Wir revanchieren uns sobald es die Möglichkeit gibt und spendieren den Dorfkindern Eis und Kekse, es ist uns ein Fest.

In Safa-Shahir verlassen wir die Hauptstraße und biegen links in Richtung Pakistan ab. Doch noch ist Land Nr. 13 allerdings über 1000 Kilometer entfernt. Das Seitental ist weniger befahren und scheint etwas fruchtbarer zu sein. Hier und da begegnen wir Hirten, welche ein Nomadenleben führen und mit ihrer Herde durchs Tal ziehen.

Etwas grün, Schafs- und Ziegenherden. Eine willkommene Abwechslung fürs Auge.

Langsam wird der Iran konservativer, die Frauen sind strenger verschleiert und auch die Männer tragen traditionelle Kleidung. Die Frage nach unserer Religion und unserer Herkunft wird immer präsenter, wir kommen in ein neues Stammesgebiete, dies wird spürbar.

Die Leute jubeln uns zu. Hier rufen uns die Handwerker zu und sind hellauf begeistert unsere Route zu hören.

Die Spannungen zu den USA und zu diversen anderen Staaten bekommen wir natürlich via Nachrichten und Social Media mit, allerdings ist in der Bevölkerung keine größere Unruhe spürbar. Wir versuchen politisch und religiös stets neutral zu bleiben und fahren damit bislang ganz gut. Warum auch Öl ins Feuer gießen? Das Feindbild der Iraner lebt nicht in Deutschland, dies wird uns bei jedem Gespräch schnell vermittelt. Im Gegenteil, sobald wir unser Heimatland preisgeben, huscht ein breites Grinsen über die Gesichter der Iraner. Sollte Angela Merkel einmal positive Energien brauchen, der Iran ist IHR (Reise)- Land. So oft, wie wir im Iran „I love Merkel!“ hören, kann das nur gut für die Gesundheit und das Selbstvertrauen der Kanzlerin sein.

Auch wir machen es den Hirten gleich und ziehen wie die Nomaden weiter. Die Temperaturen sind jetzt über der 50 Grad Marke und der Wind zeigt weiter kein Erbarmen. Unsere Velotraum-Räder mit dem Siegel „Made im Ländle“ machen alles mit. Keine Strapaze scheint diesen robusten Rädern etwas anhaben zu können, wir sind erstaunt wie gut diese die bisherigen 6643 Kilometer (Stand Bam) weggesteckt haben.

Aber auch in der Gluthitze machen wir eine weitere Entdeckung: Riesige Plantagen mit kleinwüchsigen Bäumchen fallen uns ins Auge. Die Neugier siegt und wir gehen auf Erkundungstour. Ja, wir befinden uns im „Stammesgebiete der Pistazie“, erklärt uns ein Einheimischer mit Händen und Füßen. So wächst also die Pistazie, wieder was gelernt. Neue Impulse hängen manchmal an kleinen Bäumen mitten in der Wüste des Irans.

Fragend schauen wir diese Büsche und Frucht an. Ein Einheimischer erklärt und dass hier Pistazien angebaut werden.

Sobald wir ein Dorf erreichen, kommt dies einem Volksauflauf gleich – egal ob Kind oder Greis, selten hatten wir so viele neugierige Blicke auf uns und die Räder gerichtet, wie soll das nur in Indien werden? Je einsamer die Gegend wird, desto mehr Menschen mit geröteten Augen sehen wir in oder vor ihren Hütten mit langen Pfeifen sitzen. Opium, welches aus Afghanistan geschmuggelt wird, rauchen die Menschen und lassen den Tag Tag sein. Wir lehnen dankend ab, die Strecke ist nüchtern schon herausfordernd genug.

Trinkpause in einem kleiner Kiosk am Straßenrand. Der Wind pfeift uns entgegen.

An Tag 102 kämpfen wir stundenlang mit 5-7 km/h und ohne Seitenstreifen gegen den Wind und die Berge an, es ist, als wie wir gegen eine Wand fahren. Der Wind sammelt all seine Kraft und wirbelt uns und alles, was nicht niet- und nagelfest ist, in den Seitenstreifen. Wir verkriechen uns hinter einer Moschee und bekommen sogleich Beistand von Allah persönlich. Ein LKW-Fahrer kommt aus der Moschee und sieht uns im Eck sitzen. Er bietet uns an, uns samt den Rädern mit ins nächste Tal zu nehmen. Wir nehmen entkräftet an, die Räder sind schnell auf der Ladefläche verstaut und wir sitzen bei Mohammed und seinem Gehilfen Hüseyin in der Fahrerkabine. Für einige Kilometer sehen wir die Strecke aus einer komplett anderen Perspektive und der Wind ist ausgesperrt, endlich.

Wir schlendern über den längsten, überdachten Basar der Welt.

In Kerman legen wir einen Ruhetag ein und erkunden den längsten überdachten Bazar der Welt bis ins hinterste Eck – erstaunlich, was die Menschheit schon für großartige Bauwerke erschaffen hat. Ab Kerman geht es bergab und sogar der Wind schiebt leicht von hinten, wir sind (vorerst) erhört worden. Innerhalb von 2 Tagen fallen wir auf einer Strecke von 200 Kilometern von 2300m auf 1042m und erreichen die Kleinstadt Bam.

In Bam werden wir von Dattelpalmen empfangen und erkunden die historische Zitadelle der Wüstenstadt ausgiebig. Diese historische Altstadt gehört seit 2004 zum UNESCO Weltkulturerbe, 2003 wurde Bam von einem schweren Erdbeben beinahe komplett zerstört und wird seit dem  mühsam saniert.

Pakistan ist nun noch etwas 450 Kilometer entfernt, damit ist unser nächstes Etappenziel klar, die nächste Hürde allerdings auch. Wir werden weiter sinken und streifen die Wüste „Dasht-e-Lut“, dort werden die Temperaturen nochmals deutlich steigen und die Windprognosen, wie sollte es auch anders sein, stehen definitiv gegen uns.

Das Leben ist ein Abenteuer, wir melden uns aus Pakistan.

Vielen lieben Dank,

Eure Pasta-Gorillas 

Julian und Nico

Weitere Bilder findest Du in unserer Galerie.

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