Straßenraudis gibt es überall…

Am Freitag, den 13.12, geht es für uns weiter auf der Malaien-Halbinsel in Richtung Singapur und schon nach wenigen Minuten auf dem Rad machen wir außerdem unsere 666 Stunden im Sattel voll. Weder das sagenumwobene Datum, noch die teuflische Zahl Satans können uns den Tag versauen. Im Gegenteil- Luzifer & Co. möchte auch mal auf Reisen gehen und fahren einfach mit – in der Vorweihnachtszeit sind wir ja alle tolerant und offen für neue Bekanntschaften. Der Teufel steckt eher in den jungen malaiischen Proleten mit ihren ratternden, stinkenden und billig aufgemotzten Blechbüchsen auf Rädern. Jeder kennt ihn, den kleingeistigen Vogel aus der Nachbarschaft, welcher meint seine Bedeutungslosigkeit, gepaart mit diversen Minderwertigkeitskomplexen, mit einem PS-starken und vor allem lauten Fahrzeug kaschieren zu müssen. Jedenfalls gibt es diesen Schlag Mensch und dieses Phänomen wohl auf der ganzen Welt, in Malaysia fällt er uns wieder einmal vermehrt auf. Im Allgemeinen ist die Verkehrsdichte im Land erschreckend hoch, jeder Meter wird scheinbar mit dem Auto zurückgelegt.

Wir sind zu Gast bei Naquip und seiner Oma.

Es gibt zum Glück aber auch etliche Velo-Liebhaber in Malaysia und ein ganz besonderer davon ist Naquib. Naquib haben wir auf unserer Reise im vergangenen Sommer in Aserbaidschan kennengelernt, er radelte in knapp 11 Monaten von Malaysia nach Istanbul. Inzwischen ist er wieder Zuhause angekommen und lebt zusammen mit seiner Oma in einem kleinen Dorf südlich der Hauptstadt Kuala Lumpur. Wir genießen die Gastfreundschaft der herzlichen Dame und ihrem weltoffenen Enkel. Naquib zeigt uns die Umgebung, gibt uns Einblicke in seinen Alltag und erzählt von seiner abenteuerlichen Reise und seinen geplanten Touren rund um den Globus. Wir sind also nicht die einzigen Verrückten auf dieser Welt, was wir irgendwie als sehr beruhigend empfinden.

Wirklich vielen (Weltreise-) Radlern sind wir allerdings auf unserer bisherigen Tour von Europa  nach Asien auch noch nicht begegnet. Wir kommen, ab dem vielbefahrenen Donauradweg bis heute gezählt, auf die erstaunlich geringe Anzahl von nur 10 Radlern in den letzten knapp 6 Monaten. Davon fuhren 8 in die entgegengesetzte Richtung und nur 2 weitere, wie wir, in Richtung Süden. Willy aus Hamburg und Udo aus Leonberg sind wir in den letzten Tagen erst begegnet, die beiden radeln für ein paar Wochen durch Südostasien, um dem heimischen Winter zu entfliehen – auch hier tut es gut, sich mit Gleichgesinnten für ein paar Minuten zu beRADschlagen.

Wir spielen Badminton mit den Feuerwehrmännern.

Je näher wir dem Äquator kommen, desto übler spielt uns die Regenzeit mit, der Monsun flutet die Straßen und macht Zelten schlicht unmöglich. Unseren Freunden der malaiischen Feuerwehr können wir gar nicht oft genug danken. Die Jungs sind großartig und lassen uns immer wieder in der Feuerwache übernachten. Vom Regen geschützt finden wir hier die nötige Ruhe und viele neue Freunde. Die Jungs sind auch neben ihren Einsätzen ziemlich aktiv, sobald es keinem Notfall gibt, geht es in der Wache rund. So spielen wir mit den Herrschaften stundenlang Badminton oder  Sepak Takraw, eine asiatische Ballsportart, in welcher ein geflochtener Hartplastikball mit den Füßen über ein Netz geschlagen werden muss – Olympia kann kommen, wir sind inzwischen sportlich noch breiter aufgestellt. Ausgeruht kämpfen wir so am Folgetag wieder mit den Wassermassen auf den Straßen Malaysias, eine Feuerwache taucht allerdings immer wieder zuverlässig am Ende des Tages auf – gerade jetzt kurz vor Weihnachten ist es schön, offene Türen und hilfsbereite Menschen anzutreffen.

Ohne Plan reisen – der Feuerwehrmann ist beeindruckt.

Wie nun unser Plan vom Glück ausschaut? Ganz einfach, wir haben keinen Plan! Vielmehr sehen wir das gerade Erlebte im Nachhinein als unseren Plan an. So kann man nichts fehlplanen und das wiederum ist unser Glück! Manchmal muss man die Dinge eben von hinten aufrollen und die Perspektive wechseln. Eine solche Reise lebt von Zufällen, eine zu enge Planung zerstört den Moment, dies ist zumindest unsere Erfahrung. Einfach mal selber ausprobieren, sollte auch im Alltag funktionieren – allerdings übernehmen wir keine Garantie und Haftung für jegliche Selbstversuche.

Dschungel wird abgeholzt für Palmöl-Wälder.

Ob die gesamte Menschheit allerdings irgendwann die Perspektive wechselt und damit einen Umbruch einleitet, ist allerdings äußerst fraglich. Wir ziehen vorbei an scheinbar endlosen Palmwäldern- allerdings sind diese nicht natürlich und somit wild-romantisch, sondern von Menschenhand angelegt. Monokulturen, soweit das Auge sehen kann, begleiten uns die komplette Westküste Malaysias runter bis kurz vor Singapur. Regenwaldabschnitte und Bachläufe werden rücksichtslos gerodet und umgeleitet – Lebensraum tausender Tiere für immer zerstört. Das Ziel: Gewinnung von Palmöl für die westliche Welt – unsere Gier ist grenzenlos!

Grenzübergang von Malaysia nach Singapur.

Malaysia ist ein Land der Ampel-Liebhaber, in keinem unserer bisherigen Reiseländer standen wir so oft an Ampeln – quasi jede Mini- Kreuzung hat eine Ampelanlage. Ein paar Ampel weiter stehen wir aber auch schon kurz vor Singapur. Land Nummer 17 erreichen wir, nach einer zähen Grenzprozedur, am Tag 234 und 12.634 Kilometern. Um in die City des Insel- und Stadtstaates zu kommen, nutzen wir den Expresshighway. Dieser ist zwar für Radfahrer verboten, aber wir halten uns an das Motto: Wo kein Kläger, da kein Richter. Hat super funktioniert!

Singapur ist das südlichste noch mit dem Festland verbundene Land Asiens und somit ist der erste Teil Asiens für uns erfolgreich abgeradelt. Am zweiten Weihnachtsfeiertag bringt uns der Flieger von Singapur nach Christchurch in Neuseeland. Für knapp 3 Monate wollen wir die Süd- und Nordinsel im Land der Kiwis, Schafe und Hobbits bereisen. Wir freuen uns auf eine einzigartige Natur und viele neue große und kleine Abenteuer.

Bevor es allerdings zurück in die Natur geht, steht mit Singapur das absolute Kontrastprogramm an. Über den Highway gelangen wir also in die Innenstadt, staunen über die gigantischen Häuserschluchten und die imposante Skyline der Metropole – die Stadt wirkt wie eine gigantische hypermoderne Blase aus einer anderen Galaxie auf uns, sind wir wirklich noch in Asien? Alles ist sauber, organisiert und steril, da hatten wir schon schon wildere Länder uns Städte. Über das farbenfrohe und traditionelle Viertel Little India gelangen wir in den jüngsten Stadtteil Singapurs, dem Marina Bay- hier steht man quasi mitten in der hochmodernen Skyline und ist von fotografierenden Menschenmassen umgeben.

Christopher macht uns fit für Olympia.

Wir treffen meinen alten Schulfreund Christopher, er wohnt und arbeitet seit knapp 2 Jahren in der Stadt und quartiert uns in seiner Wohnung ein. Christopher ist ein absoluter Glücksfall für uns und unser Budget, denn Singapur gehört nicht gerade zu den billigsten Pflastern dieser Erde. So ziehen wir  von einer Attraktion der Stadt zur nächsten. Wir entspannen, bei einem sündhaft teurem Bier, in der höchsten Bar Singapur – die Aussicht über die nächtliche Silhouette der Stadt entschädigt aber sofort wieder. Auch der Bummel durch China Town lohnt sich, die weltberühmten „Hacker-Center” stellen unglaublich leckeres und erstaunlich preiswertes Essen für jeden Geschmack und Geldbeutel her. Die eher kitschige Freizeitinsel Sentosa erinnert an einen schrillen Freizeitpark und platzt aus allen Nähten. Für uns also ein Reinfall, und wenig lohnenswerte – zumindest der Inselrundweg entspricht da eher unserer Ästhetik und ist erstaunlicherweise menschenleer. Schön war unsere kleine Wanderung im MacRitchie Nationalpark, 11 Kilometer wandern wir kreuz und quer durch den gigantischen Stadtpark. Der „Tree Top Walk„ ist ein Teil des Wandernetzes im Nationalpark, für ein Stück läuft man, über eine Hängebrücke, in den Baumwipfeln.

Lichtshow – Gardens by the bay

Die abendliche Lichtershow in „Gardens by the Bay“ fasziniert uns allerdings wirklich. Wie kleine Kinder stehen wir mit großen Augen da und bestaunen das Lichterspektakel, ein komplettes Kontrastprogramm eben zu unseren üblichen Zelt- und Schlafplätzen.

Die Freundschaft hat im Polizeirevier in Pakistan begonnen.

In Singapur treffen wir Andy und Edwin wieder, die beiden haben wir in Pakistan kennengelernt, sie fuhren mit ihrem Jeep von Singapur nach London. Das Wiedersehen artet etwas aus und wird zu einem äußert feuchten und umso fröhlicheren Abend. So erfahren wir unter anderem, dass wir in der chinesischen Astrologie die Sternzeichen Schwein & Drache haben, irgendwie passt das zum Verlauf des Abends….. An Heiligabend haben wir den ganzen Spaß mit den zwei Unikaten und ihren Freunden wiederholt, einen Anlass zu feiern findet man in Singapur allerdings rund ums Jahr, die nötigen Amüsierviertel kennen die Jungs, wie ihre Westentasche.

Unser täglicher Ausblick auf Downtown.

Christopher ist über Weihnachten in die Heimat geflogen, Nico und ich passen derweil auf die Wohnung, mit Blick auf die Skyline Singapurs, auf. Bei Bedarf kühlen wir uns mit einem Sprung in den Pool der Luxuswohnanlage ab, lassen uns im Jacuzzi massieren oder spielen eine Runde Tennis auf der integrierten Anlage. Es gibt schlimmere Orte, um Asien ausklingen zu lassen und um Weihnachten zu feiern – manchmal ist eine gewisse Komfortzone auch von Vorteil. Unser nicht geplanter Plan vom Glück geht rückblickend mal wieder voll auf!

In Chinatown finden wir Hilfe.

Inzwischen haben wir unsere Räder uns unser Equipment penibel geputzt, gewaschen und verpackt. Unsere komplette Ausrüstung war nass, klamm und muffelte, die Feuchtigkeit dringt in jede Ritze und stinkender Schimmel war das Resultat. Mein Smartphone wurde sogleich Opfer der Nässe und konnte nur von einem Fachmann in China Town gerettet werden. Die Neuseeländer sollen strenge Einreisebestimmungen, gerade bei Weltreiseradlern, haben, hoffentlich kommen wir jetzt gut und sicher durch den Zoll. Wir verabschieden uns also von der Regenzeit und von Asien Teil 1. Im März 2020 geht es allerdings wieder zurück und wir gehen auf unseren letzten großen Abschnitt vor Olympia: von Bangkok nach Tokio, Asien Teil 2 wartet also bereits auf uns.

Wir wünschen Euch allen frohe und besinnliche Festtage und einen schwungvollen Start ins Jahr 2020! Unser Geschenk für Euch ist unser Plan vom Glück- Anleitung siehe Text! Vielen Spaß beim umsetzen. Wir bedanken uns bei unseren Freundinnen, Familie, Freunden, Sponsoren, Unterstützern und Follower- ihr seid einsame Spitze. DANKE!

Frohe Weihnachten.

Wir melden uns demnächst also aus Neuseeland – vermutlich mit einem neuen Plan vom Glück in petto – auch wir sind gespannt wie dieser Plan ausfallen wird!

Euer,

Julian und Nico.

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